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„Ich kann nicht sagen: Sind wir einfach wieder viele“

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Die katholische Kirche in Oberösterreich im rauen Wind einer turbulenten Gegenwart. Corona hat die Kirchen geleert, Impfgegner treten aus, die Autorität ist angeknackst. Bischof Scheuer sagt: „Es war schon einmal einfacher für uns.“

Bischof Manfred Scheuer nimmt sich im Gespräch mit den OÖN – vor dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine geführt – kein Blatt vor den Mund. „Wie die deutsche Kirche da herauskommt, weiß ich nicht. Uns geht es leider auch nicht so viel besser.“ Die Kirche im Jammertal einer turbulenten Gegenwart – das trifft es einigermaßen; auch wenn sich diese Beschreibung angesichts des Krieges in der Ukraine relativiert.

Auch die Binnenprobleme kratzen am Selbstwert. Nicht allein die Missbrauchsdebatte, von der das Erzbistum München erfasst worden ist, schwappt nach Österreich herein. „Bilanz des Schreckens“ hieß es dazu, es geht um Vertuschung in schrecklichem Ausmaß. Dazu kommt ein emeritierter Papst, der es mit der Wahrheit nicht so genau genommen haben könnte. Benedikt stellte Mitwissen in Abrede.

Und schließlich noch Corona: Unter Pandemiebedingungen wurden die Kirchen entleert. „Dass sich unser liturgisches Leben so radikal eingeschränkt hat, haben uns viele nicht verziehen. Richtig davon erfangen haben wir uns nicht. Ich kann nicht einfach sagen: ,Jetzt sind wir wieder viele.‘“ Sonntagsroutinen haben sich geändert. Ob und wie rasch sich das zurückbildet, ist unklar.

Dieser Rückgang des Messbesuchs ist enorm. 2009 wurden an den zwei „Zählsonntagen“ noch im Schnitt 156.000 Kirchgänger gezählt (das waren 15,2 Prozent der Katholiken in Oberösterreich). Noch vor der Pandemie schrumpfte dieser Anteil 2019 auf 11,6 Prozent, gegenwärtig dürfte der Messbesuch bei sechs Prozent liegen.

Andererseits haben sich während der Lockdowns neue Formate eingespielt. TV-Gottesdienste werden regelmäßig gestreamt. Den Hörfunkgottesdienst feiern jeden Sonntag rund 700.000 Österreicher mit. Scheuer: „Das ist nicht nichts.“ Auch die Kirche konnte es in der Pandemie nicht allen recht machen. Den einen war sie zu zurückhaltend, was Scheuer nicht gelten lässt. „Es haben nicht alle hingehört, wenn wir etwas zu sagen gehabt haben.“ Anderen, den Impfkritikern, war die Kirche zu deutlich. Gehäuft haben sich deshalb Kirchenaustritte wegen des Eintretens für die Impfung. Proteste und Unmut kommen vor allem aus dem rechtskatholischen Eck mit Pius- und Petrusbruderschaft, von denen auch Corona-Demonstrationen mitgetragen worden sind.

Scheuer ist, was die Corona-Maßnahmen betrifft, auch heute noch deutlich. „So sehr ich Ängste von Leuten, die sich vor der Impfung fürchten, auch verstehe: Sich in einer Pandemie zu schützen, bedeutet noch immer, sich vor der Krankheit zu schützen und nicht vor den Maßnahmen.“

Er plädiere generell dafür, beide Seiten zu betrachten. „Die Pandemie ist nur mit Wissenschaft zu bewältigen. Aber zu Beginn war die Wissenschaft Kult.“

Wie sehr hat die Esoterik in der Pandemie die Rolle der Kirche bedrängt? Scheuer: „Das ist ein riesengroßer Markt geworden, Esoterik hat Gefühle zum Geschäft gemacht.“ Vielleicht habe die Kirche bei ihren Reformen die Sehnsüchte nach Natur und Brauch zu wenig mitgenommen, sagt Scheuer.

Wie sehr Brauchtum wirke, zeige sich auch beim Gottesdienst. In Oberösterreich gibt es den stärksten Messbesuch am Palmsonntag. „Weil das für den Frühlingsbeginn steht.“ Da schwingen Gefühle und Gewohnheiten mit.

„Da werden auch noch andere Rechnungen beglichen“, sagt Manfred Scheuer zur Kritik am emeritierten Papst. „Benedikt ist kein bescheidener Theologe. Sein Urteil über die deutsche Theologie haben viele auch als verletzend empfunden.“ In der Frage der kirchlichen Missbrauchsfälle, die Deutschland aktuell massiv beschäftigt, betont Bischof Scheuer die Unterschiede in der Herangehensweise. Österreich sei weltweit das erste Land gewesen, in dem solche Fälle öffentlich geworden sind. „Seither ist einiges geschehen. Ich hoffe, dass wir daraus lernen. Ich kann bedauern, ich kann mich schämen, ich kann zuhören, aber keine Lebensgeschichten rückgängig machen.“ Das bleibe daher „eine offene Wunde“.

Schauplatz Kirche

Corona hat auch den innerkirchlichen Reformprozess der Diözese Linz verändert. Fünf Pionierpfarren (Eferding, das Dekanat Linz-Nord, Braunau, Schärding und Weyer) haben ihr Vorbereitungsjahr begonnen. Organe müssen sich konstituieren (u.a. ein Verwaltungsvorstand und ein pastoraler Vorstand mit jeweils einem Pfarrer als oberstes Organ).
Dieser Prozess ist virtuell abgelaufen, Start-Treffen waren nur online möglich.

2023 gehen diese fünf Gemeinden in ihr erstes Umsetzungsjahr. Ziel ist die Schaffung größerer Einheiten und die Steuerung über mehrere Pfarrgemeinden hinweg.

Erneuerung braucht auch die Katholische Aktion (mit Frauenbewegung, Männerbewegung, Jungschar, Bildungswerk), heißt es kirchenintern. Auch in diesen Gruppierungen schlägt die Überalterung zu. Die Aktion war in Pandemiezeiten öffentlich kaum bis gar nicht präsent. Der frühere Vorsitzende Bert Brandstetter war öffentlich sehr aktiv, seine Nachfolgerin Maria Hasibeder ist es nicht.

Die Zahl der Kirchenaustritte in der Diözese betrug im Vorjahr 12.865, im Jahr zuvor waren es 10.108 Austritte gewesen. Aktuelle Daten für heuer gibt es nicht, weil die Behörden weiterhin wegen Corona überlastet sind.